PALÁGYIS KRITIK AN DER GEGENSTANDSTHEORIE
von Kristóf Nyíri (Budapest)
erschienen in: Haller, Rudolf (Hg.): Der ungarische Philosoph Palágyi Menyhért oder Melchior Palágyi, wie er sich in seinen
Meinong und die Gegenstandstheo- deutschsprachigen Publikationen bezeichnete hatte niemals eine unmittelbare Kritik der
rie. Amsterdam, Atlanta: Rodopi Meinong'schen Philosophie verfasst, und 1902 erwog er sogar die Möglichkeit, sich bei Mei-
1996 (Grazer Philosophische nong zu habilitieren. Dennoch berührt die von Palágyi aufgebaute, sprachphilosophisch be-
Studien 50), pp. 603-613. gründete Widerlegung des logischen Objektivismus eines Bolzano oder Husserl die Gegen-
standstheorie Meinongs an sich zweifellos. Palágyis Kritik am modernen Platonismus, von
1 Nyíri, Kristóf [J.C.]: Beim Sternen-
Humboldt, Herder, Max Müller und vermutlich Nietzsche beeinflusst, die einschlägigen Argu-
licht der Nichtexistierenden: Zur
ideologiekritischen Interpretation mente des späteren Wittgenstein bzw. insbesondere von Eric Havelock und Walter J. Ong in gar
des platonisierenden Antipsycholo- mancher Hinsicht vorwegnehmend, ist weitgehend unbekannt und unbeachtet geblieben. Ich
gismus. Auf Ung. erschienen in: Vilá-
möchte mich hier darauf konzentrieren, die Prinzipien und die Vorgeschichte dieser Kritik dar-
gosság (1972), pp.464-473 u. pp.722-730.
Die dt. Übers. wurde erstmals in In- zustellen und werde die eher triviale Frage einer Anwendung derselben auf die Gegen-
quiry 4 (1974) veröffentlicht; neu ab- standstheorie im engeren, eben Meinong'schen Sinne, nur ganz kurz ansprechen. Nichtsdes-
gedr. in: Nyíri, Kristóf: Gefühl und
toweniger hoffe ich, dass durch diese Darstellung gewisse grundsätzliche Züge der Mei-
Gefüge: Studien zum Entstehen der
Philosophie Wittgensteins. Amster- nong'schen Begriffsbildung gewinnbringend beleuchtet, und zwar in einer geschichtlich ange-
dam: Rodopi 1986 (Studien zur österr. messenen Weise kritisch beleuchtet werden können.
Philosophie 11) sowie in http://
Ich fasse die präsente Studie als Nachtrag zu meinem Aufsatz Beim Sternenlicht der Nicht-
www.kakanien.ac.at/beitr/theorie/
KNyiri1.pdf v. 20.05.2004. existierenden1 auf. In diesem Aufsatz hob ich die platonistischen Parallelen in den Argumenten
von Bolzano, Twardowski, Frege, Husserl und des frühen Wittgenstein auf der einen, und in je-
2 Palágyi, Melchior: Kant und Bol-
nen von Meinong auf der anderen Seite betont hervor. Ich wies auf Schwierigkeiten in diesen
zano: Eine kritische Parallele. Halle:
Niemeyer 1902, p. 118. Argumenten hin und hatte mich dabei stark auf Palágyis Bolzano- und Husserl-Kritik gestützt
ein Umstand, den ich damals aber nicht gebührend zum Ausdruck gebracht habe. Nur ein
3 Cf. Haller, Rudolf: Zur Frage: >Was
einziges Mal habe ich Palágyi erwähnt bzw. zitiert, allerdings war dies eben jenes Zitat aus sei-
ist ein Kunstwerk?< In: Ders.: Facta
und Ficta: Studien zu ästhetischen nem Buch Kant und Bolzano, durch welches ich den Titel meines Aufsatzes zu erklären ver-
Grundlagenfragen. Stuttgart: suchte:
Reclam 1986.
4 Nyíri 1986, p. 49f.
[...] auch der Logiker träumt: und zwar träumt er von einem Reiche der Wahrheit. Bol-
zano stellt sich in der Logik so an, als ob er eine Art geistiger Astronomie betriebe. In
5 Cf. etwa Palágyi 1902, p. 19f. unendlichen Fernen über uns flimmern die ewigen Gedankensterne, und sie flim-
mern von Ewigkeit her ob sie auch kein sterbliches Wesen ins Auge fassen würde,
denn sie sind ein unendliches Heer von ungedachten oder noch nicht gedachten, also
objektiven Gedanken.2
Ausdrücklich habe ich mich aber nicht auf Palágyi, sondern auf die von Sellars und letzten En-
des vom späteren Wittgenstein entlehnte Gebrauchstheorie der Bedeutung berufen und da-
mit übrigens ein Argument aufgebaut, welches Haller bereits 1959 vorweg genommen hatte3
nur wusste ich das damals nicht. Im Sternenlicht hieß es:
[D]ie Auffassung, laut der die Bedeutung eines Wortes mit dem von ihm bezeichneten
Gegenstand identisch ist, und der Sinn der Satzes sich aus den von den einzelnen
Wörtern bezeichneten Gegenständen aufbaut [...] [ist] falsch. [...] eine Bedeutung zu
haben [bedeutet] nicht mehr und nicht weniger [...], als eine sprachliche Rolle zu spie-
len, einen Gebrauch zu haben, eine Stelle zu haben im System der Sprache. [...] Im
Lichte der Gebrauchstheorie der Bedeutung zerrinnt das Problem der Nichtexistie-
renden.4
Heute finde ich, dass allen zweifellosen Spuren des historischen Materialismus zum Trotz der
Aufsatz Sternenlicht eigentlich unhistorisch war. Es fehlte eine Erklärung der realen Grundla-
gen des platonistisch-objektivisierenden Gedankenganges. Eine Erklärung, die ich inzwischen
in Havelocks und Ongs Hinweisen auf die Rolle der Schriftlichkeit gefunden zu haben glaube,
und welche Erklärung bereits in gewissen mir damals noch nicht bekannten Formulierun-
gen Palágyis angedeutet war.
Palágyis logisch-erkenntnistheoretische Argumente haben sich ganz und gar im Span-
nungsfeld der Brentano-Schule entwickelt. Jene Werke von ihm, die in diesem Zusammenhang
hervorgehoben werden müssen, sind die beiden 1902 in Halle bzw. in Leipzig verlegten Bücher
Kant und Bolzano und Der Streit der Psychologisten und Formalisten in der modernen Logik, un-
mittelbar unter der Wirkung von Husserls Logischen Untersuchungen, Band 1, verfasst, die 1903
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6 Cf. etwa Palágyi, M.: Der Streit der erschienene Arbeit Die Logik auf dem Scheidewege und die 1904 veröffentlichte Schrift Az is-
Psychologisten und Formalisten in merettan alapvetése [Grundlegung der Erkenntnislehre], eine Überarbeitung und Weiterbil-
der modernen Logik. Leipzig: Engel-
mann 1902, p. 28f. Eine längere Be- dung des Buches von 1903. Palágyis Auffassungen bildeten sich in einer Reihe von kritischen
sprechung von Brentanos Ansichten Gegenüberstellungen aus. Er konfrontiert Bolzano mit Kant und befreit sich dadurch vom Psy-
findet sich in: Ders.: Die Logik auf chologismus des Letzteren;5 er konfrontiert Brentano mit Bolzano und Husserl und sieht sich
dem Scheidewege. Berlin:
Schwetschke 1903, p. 94ff. dabei in seiner Vermutung bestärkt, dass Inhalte reale Denkakte voraussetzen;6 er konfron-
tiert Bolzano mit Husserl und meint, dass Husserls Gedankengänge an Klarheit verlieren da-
7 Palágyi 1902 (Kant u. Bolzano), durch, dass er nicht unmittelbarer an die Terminologie Bolzanos anknüpft.
p. 32.
Ein Hauptargument des Buches Kant und Bolzano besteht in Erläuterungen über die Spra-
8 Ibid., pp. 75-78. che als Medium des Denkens. Was Palágyi hier in Bezug auf Bolzanos Begriffsbildung behaup-
tet, dass diese nämlich ein sprachloses Denken ein sprachloses Urteilen, eine sprachlose Lo-
9 Palágyi 1902 (Der Streit), p. 92f.
gik voraussetzt, ist hinsichtlich des logischen Objektivismus überhaupt von Interesse:
10 In den Anfangskapiteln dieses
Buches hat Palágyi die Sprache noch [D]er Sinn eines Satzes [kann] als selbständige, psychische Erscheinung (frei von be-
zweifellos als gesprochene im Sinne. gleitenden Zeichen, Lautvorstellungen u.s.w.) im menschlichen Bewusstsein nicht be-
Sprache ist »das Wort, das von stehen. [...] eine logische Urteilsthätigkeit [kann] in unserem Geiste nicht stattfinden
menschlichen Lippen ertönt«,
[...], ohne dass sich diese Thätigkeit in einem Hervorbringen von sinnlichen Symbolen
»menschliche Rede«. In: Palágyi
1903, p. 42.
manifestieren würde [...].7
Ein gleichsam übersprachliches Denken, betont Palágyi, ist unvorstellbar. Man könnte wohl,
schreibt er, »bei einem Menschen von einem untersprachlichen Denken sprechen, wenigstens
könnte das Denken eines Säuglings als ein solches bezeichnet werden; ein übersprachliches
Denken jedoch besitzen wir nicht. [...] Das extreme Streben nach Befreiung des Gedankens von
allen subjektiven Bedingungen desselben hat [...] zur Folge, dass wir in all unserem Denken in
erhöhtem Masse der Sklaverei des sprachlichen Ausdrucks verfallen.« Bolzano insbesondere,
schreibt Palágyi, trägt, ohne es zu merken,
zufällige sprachliche Unterschiede in das Reich der Gedanken an sich hinüber, und
indem er völlig im sprachlich-Zufälligen stecken bleibt, meint er, von dem sprachli-
chen Ausdruck abstrahiert und unser Denken zu einem übersprachlichen erhoben zu
haben. Aber so ergeht es allen Logikern, die da meinen, sich über den sprachlichen
Ausdruck hinweggesetzt und in das Reich der reinen Gedanken erhoben zu haben.
[...] der besonnene Logiker hingegen wird sich dessen stets bewusst sein, dass er in
allen seinen Gedankenwendungen von der Sprache abhängig ist und wird eben durch
dieses Abhängigkeitsbewusstsein dahin gelangen, das Zufällige in dem sprachlichen
Ausdruck eliminieren zu lernen.8
Oder wie sich Palágyi in seinem anderen 1902 erschienenen Buch ausdrückt: Unser »reflektie-
rendes Denken« bleibt »in unaufhörlicher Abhängigkeit [...] von selbstgeschaffenen Zeichen,
namentlich den Zeichen der Sprache«; sich mit dem »sprachlichen Charakter unseres Den-
kens« auseinanderzusetzen, muss zu einer Grundaufgabe der Logik werden.9
Der Ausdruck »selbstgeschaffene Zeichen« nimmt hier eine Wende bei Palágyi vorweg, die
sich in den nächsten zwei Jahren, 1903 und 1904, abspielt, nämlich die Entdeckung der Schrift-
sprache als einer von der bloß gesprochenen Sprache verschiedenen, zu der Entstehung philo-
sophischer Missverständnisse ganz entscheidend beitragenden Ebene. Von den Zeichen der
schriftlichen Sprache lässt sich ungezwungener sagen, dass sie nicht naturwüchsig, sondern
eben selbstgeschaffen seien, als von jenen der mündlichen. Die Wende zeichnet sich bereits im
Buch Die Logik auf dem Scheidewege ab,10 und sie wird ausdrücklich sowie betont in der Az is-
merettan alapvetése.
Palágyi kommt nämlich in der Logik auf dem Scheidewege auf Aristoteles zu sprechen, und
setzt sich mit dessen Unterscheidung zwischen >Begriff< und >Urteil< auseinander. Laut den
wohlbekannten Ausführungen in der Hermeneutik sind Behauptungen oder Urteile Gedan-
ken, die unter den Gesichtspunkt des Wahren und Unwahren fallen, während Begriffe Gedan-
ken sind, bei denen ein solcher Gesichtspunkt eben nicht anwendbar ist. Und wie in der Seele,
so auch in der Sprache, meint Aristoteles: Nur wo in der Sprache eine Trennung möglich ist, ei-
ne Trennung von Subjekt und Prädikat, lässt sich über Wahrheit und Falschheit reden. Nun fin-
det Palágyi, dass Seele und Sprache hier in ein verkehrtes Verhältnis gesetzt worden sind:
Aristoteles geht über die Tatsachen hinaus, wenn er meint, daß in unserer Seele zwei-
erlei Gedanken vorhanden sind, von denen die einen wahr oder unwahr sein müssen,
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11 Ibid., pp. 75-78. die anderen nicht. Ich wüßte nicht, daß jemand in seiner Seele zweierlei Gedanken
gefunden hätte, bevor er noch zum Gebrauche von sprachlichen Zeichen geschritten
12 Palágyi, M.: Az ismerettan alapve- ist.11
tése. Budapest: Athenaeum 1904,
p. 12f. Da nun aber Palágyi, wie bereits hervorgehoben, ein außersprachliches Denken von vornher-
13 Ibid., p. 15 u. p. 69. ein für unmöglich hält, kann sich diese Formulierung »bevor er noch zum Gebrauche von
sprachlichen Zeichen geschritten ist« eben nicht auf Zeichen überhaupt, sondern allein auf
14 Ibid., p. 84. sekundäre, des Näheren auf schriftliche Zeichen beziehen. Dies wird denn auch klar in der Az
15 Ibid., p. 85. ismerettan alapvetése, wo Palágyi das auf Aristoteles bezogene Argument folgendermaßen
fortsetzt:
16 Ibid., pp. 29-31 u. p. 85.
Ich glaube nicht, daß ein primitiver Mensch, der nicht lesen und schreiben gelernt
17 Cf. insbes. Palágyi 1903, p. 125f.
hat, in seiner Seele zweierlei Gedanken, nämlich Begriffe und Urteile entdecken könn-
18 Cf. Grazer Philosophische Studien te [...]. Ja sogar wenn jemand zwar schreiben könnte, aber keine Ahnung von der al-
50 (1955), pp. 1-28. phabetischen Schrift hätte und nur eine Bilderschrift verwenden würde, wie z.B. der
altägyptische Mensch, der vielleicht einen Gedanken, welcher zu einem ganzen Satz
19 Meinong, Alexius: Über Annah- ausreichen würde, mit einem einzigen Bilderchen bezeichnete, von diesem Menschen
men. Leipzig: Barth 1902, p. 181. läßt sich kaum annehmen, daß er in seiner Seele [...] Begriff und Urteil hätte finden
können [...].12
20 Ibid., p. 271.
Keineswegs ist die Vernunft, betont Palágyi, zu irgendeiner unmittelbaren Selbstbeobachtung
fähig; der menschliche Geist kann erst dann auf sich selbst reflektieren, wenn er »Werke
schafft, Wissenschaften produziert«.13 Die beiden Grundbedingungen des menschlichen Wis-
sens, hebt Palágyi in den einleitenden Absätzen von Az ismerettan alapvetése hervor, sind die
Eindrücke und die Zeichen, und zwar einerseits die Gebärden und die gesprochenen Zeichen,
andererseits aber die geschriebenen, die gedruckten, und die gezeichneten Zeichen. Palágyi
liefert hier im Umriss geradezu eine umfassende philosophische Analyse der Geschichte der
Kommunikationstechnologien. Wie die Schrift die Zeit überbrückt, so überbrücken etwa Tele-
graf und Telefon, schreibt er, die Distanz.14 Entscheidend aber bleibt, dass die Sprache nicht nur
Kommunikationsmittel,15 sondern in allen ihren Gestalten als gesprochene, geschriebene,
usw. auch ein Medium des Denkens ist. Der irrtümliche Eindruck einer durch Symbolge-
brauch nicht verseuchten, »>reinen